
Interview mit Henriette Schreiner: „Musical und Songwriting unterstützen sich gegenseitig“
Henriette Schreiner ist ein wahres Multitalent: Sie steht nicht nur als Musicaldarstellerin auf der Bühne, sondern arbeitet auch als Choreografin und Singer/Songwriterin. Im Musical „1648“ übernimmt sie gleich zwei Rollen – als Darstellerin die Rolle der Anna Sture und als Teil des Kreativteams die Choreografie. Im Interview spricht sie unter anderem darüber, wie sie diese Aufgaben vereint und welche Inspiration sie aus ihrer Zeit in Nashville mitgenommen hat.
Du stehst im Musical „1648“ nicht nur als Anna Sture auf der Bühne, sondern bist auch für die Choreografie verantwortlich. Wie schaffst du es, diese beiden anspruchsvollen Aufgaben unter einen Hut zu bringen?
Mit sehr viel Gehirnkoordination. Ich versuche, mir vorher alles genau aufzuzeichnen und Bilder auf Papier festzuhalten, damit ich es später auf der Bühne umsetzen kann. Manchmal bitte ich auch unseren Regisseur, Michael Przewodnik, auf meine Position zu hüpfen, damit ich mir das noch besser vorstellen kann. Ich bin sehr dankbar, dass es funktioniert und ich beides machen kann.
Du hast bereits an der Uraufführung von „1648“ mitgewirkt. Hast du für die Wiederaufnahme neue choreografische Elemente eingebracht?
Ein bisschen. Wir haben ein neues Bühnenbild, und die Bühne ist etwas größer, also musste ich einiges anpassen. Außerdem sind zwei neue Darsteller dabei, und ich versuche, sie so zu integrieren, dass sie ihre eigene Interpretation einbringen können. Mir ist es wichtig, dass nichts einfach kopiert wird, sondern dass wir gemeinsam neue Bewegungen kreieren, die zu ihnen passen.

Du bist auch als Singer/Songwriterin tätig. Beeinflusst diese Arbeit deine Musicaltätigkeit oder umgekehrt?
Ja, der kreative Prozess verschmilzt immer mehr. Wenn ich im Studio bin, profitiere ich davon, dass ich auch Choreografien entwerfe und auf der Bühne stehe. Musical und Songwriting unterstützen sich gegenseitig, auch wenn sie sich unterscheiden. Ich arbeite gerade an neuer Musik und merke, dass sich meine Erfahrungen aus beiden Bereichen darin widerspiegeln.
Du warst in Nashville, um dich musikalisch weiterzubilden und inspirieren zu lassen. Welche Erfahrungen hast du mitgenommen und begleiten dich noch in deiner Arbeit?
Nashville begleitet mich ständig. Die Stadt sprüht nur so vor Kreativität und Musik, das kann man gar nicht vermeiden. Was mich besonders beeindruckt hat, ist die freie Arbeitsweise dort. Die Menschen sind fokussiert, aber es fühlt sich trotzdem leicht und frei an. Im Musical gibt es oft feste Strukturen, aber im Songwriting ist mehr Freiheit möglich. Diese Leichtigkeit habe ich aus Nashville mitgenommen.
Du hast schon einige historische und dramatische Rollen gespielt. Wie bereitest du dich auf solche Figuren vor?
Ich sauge alles auf, was es über die Figur gibt. Bei Anna Sture gibt es zum Beispiel kaum überlieferte Charaktereigenschaften, also musste ich mir überlegen, wie sie gewesen sein könnte. Ich hatte dabei fast ein schlechtes Gewissen, weil sie vielleicht eine ganz liebe Frau war und ich sie nun anders darstelle. Auch bei Johanna in „Die Päpstin“ war es spannend: Ihr Geist ist heute noch aktuell, obwohl sie vor Hunderten von Jahren gelebt hat. Ich versuche, historische Rollen mit meiner eigenen Interpretation zu verbinden.

Wie schaffst du es, in der Choreografie von „1648“ sowohl die historische Atmosphäre als auch die Emotionen des Stücks einzufangen?
Mit Instinkt. Das habe ich in Nashville gelernt: Nicht zu viel nachdenken, sondern den ersten Ideen folgen. Ich schaue mir viele historische Videos an, um zu sehen, wie die Menschen damals tanzten, sich bewegten und welche Kleider sie trugen. Dann versuche ich, das mit modernen Elementen zu kombinieren, die das Stück ebenfalls beinhaltet.
Auf deiner Webseite steht, dass du oft Songideen in der Badewanne hast. Entstehen dort auch Ideen für Choreografien?
Ja, aber vor allem nach dem Laufen. Ich gehe fünfmal die Woche joggen, und wenn ich danach unter der Dusche stehe, kommen mir die meisten kreativen Ideen. Vielleicht, weil ich dann in einem meditativen Zustand bin. Das betrifft sowohl Songwriting als auch Choreografie. Danach wird alles aufgeschrieben.
Du hast sowohl auf großen Bühnen als auch in kleineren Theatern gespielt. Wie unterscheidet sich deine Herangehensweise von Produktion zu Produktion?
In großen Arenen, wie bei „Luther“, muss man viel weiter nach hinten spielen, weil das Publikum sonst Details nicht erkennt. In kleineren Theatern ist es intimer, fast wie ein Puppenspiel. Aber egal, ob die hintere Reihe drei oder 300 Meter entfernt ist, ich versuche immer, alle im Publikum abzuholen.

Du hast für die New-Romance-Kampagne der S. Fischer Verlage einen Song eingesungen. Hast du ihn auch selbst geschrieben?
Ja, ich habe mitgeschrieben. Der Produzent Fabian Kuss rief mich an und meinte, sie suchen jemanden, der ein bisschen wie Taylor Swift ist. Ich fand die Idee super, wir haben den Song gemeinsam mit zwei Leuten von den S. Fischer Verlagen geschrieben, ein Video gedreht und ihn dann auf der Buchmesse präsentiert. Es war einer der schönsten Jobs, die ich je gemacht habe.
Nach welchen Kriterien wählst du deine Projekte aus?
Oft nach Bauchgefühl. Seit Corona kamen viele Anfragen auf mich zu. Mir ist es wichtig, mich weiterzuentwickeln, sei es durch neue Herausforderungen oder durch Theater, an denen ich noch nicht gespielt habe. Natürlich kommt es auch auf das Team an, mit dem man arbeitet.
Welche neuen Herausforderungen stehen für dich an, sowohl als Musicaldarstellerin als auch als Choreografin und Singer/Songwriterin?
Ich darf Wednesday in „The Addams Family“ im Schlossparktheater Berlin spielen, worauf ich mich sehr freue. Nach den ernsten Rollen wie Johanna und Anna Sture wird das mal etwas Skurriles. Außerdem bringe ich ab April eigene Musik heraus. Ich war viel im Studio und habe sechs Songs ausgewählt, die jetzt erscheinen werden. Darauf freue ich mich sehr!
Interview: Dominik Lapp