
Stadtgeschichte für eine junge Generation: „1648“ in Osnabrück
Mit „1648“ ist dem Team um Komponist Florian Albers und Autor Michael Przewodnik ein eindrucksvolles Musical gelungen, das den Westfälischen Frieden nicht nur erzählt, sondern erlebbar macht. In der aktuellen Inszenierung, die seit der Uraufführung im Jahr 2023 deutlich weiterentwickelt wurde, zeigt sich das Stück nun in gereifter Form – inhaltlich, musikalisch und visuell. Auch das neue Logo unterstreicht den Wandel: Der einst prägnante, aber doch kitschige Untertitel „Macht. Liebe. Intrige.“ ist nun dezent in den Hintergrund gerückt.
Regisseur Przewodnik, der zudem Buch und Songtexte verantwortet, führt mit sicherer Hand durch ein komplexes historisches Gefüge – immer nah an den Figuren, immer mit einem Gespür für Emotionen. Exzellent unterstützt wird er dabei von Henriette Schreiner, die nicht nur für die sehr stimmige Choreografie verantwortlich ist, sondern auch in gleich zwei Rollen glänzt: Als Anna Sture im ersten Akt und schwedische Königin Christina im zweiten Akt überzeugt sie mit herrlicher Mimik, eindringlichem Spiel und klangvollem Gesang.
Überhaupt: Die Cast ist eine Wucht. Myriam Akhoundov als Marie von Sternberg trägt das Stück mit Bravour. In ihren Soli und Duetten zeigt sie nicht nur ihre hervorragende gesangliche Bandbreite, sondern auch ihre Bühnenpräsenz. Benedikt Peters als schwedischer Graf Johan Oxenstierna punktet an ihrer Seite mit einer äußerst angenehmen Stimme.

Besonders hervorzuheben ist aber Lukas Witzel in der Rolle des Rabanus Heistermann. Die Rolle, die er 2023 kreiert hat, ist ihm wie auf den Leib geschrieben. Inzwischen hat er sie sich noch stärker zu eigen gemacht. Sein Zusammenspiel von Schauspiel und Gesang ist schlichtweg unglaublich – eine Figur, die auch dank des exzellent intonierten Songs „Ein stiller Held“ in Erinnerung bleibt.
Nuno Dehmel gibt als Johann Krahne den perfekten Antagonisten, der immer wieder für Reibungen sorgt. Komponist Florian Albers selbst übernimmt mehrere Rollen – den Apotheker Ameldung, den Bürgermeister Schepeler und den Kaiser – und zeigt sich dabei bemerkenswert wandlungsfähig.
Auch das Bühnenbild hat seit der Uraufführung eine deutliche Weiterentwicklung erfahren. Neu ist die stilisierte Silhouette Osnabrücks sowie eine eindrucksvolle Steinmauer mit Eichentür, die rasch verschiedene Orte entstehen lässt: den Friedenssaal, die Ameldungsche Apotheke, die Johanniskirche oder das Haus Oxenstiernas. Eine visuelle Aufwertung, die die Inszenierung zusätzlich belebt und hochwertiger erscheinen lässt.

Ebenso wurde bei den Kostümen nachgeschärft. Ein Großteil stammt weiterhin als Leihgabe vom Theater Osnabrück, doch kleinere Änderungen – etwa ein neues Outfit für Oxenstierna – sorgen für frische Akzente. Die aufwändige historische Gestaltung trägt zur Atmosphäre maßgeblich bei.
Ein kleiner Wermutstropfen bleibt: Die wunderbare und abwechslungsreiche Musik von Florian Albers wird nicht mehr live von einer Band gespielt, sondern digital zugespielt. Zwar eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten in Bezug auf die Arrangements der einzelnen Songs, doch die im Studio perfekt gemischte Tonspur wirkt im Zusammenspiel mit dem Livegesang etwas steril. Vor dem Hintergrund, dass die Aufführungen nur durch viel privates Engagement, einen Verein und verschiedene Stiftungen realisiert werden konnten, ist dies aber verkraftbar, weil das Werk nichtsdestotrotz eine echte Bereicherung für Osnabrück ist.
So ist und bleibt „1648“ ein großartiges Musical – historisch fundiert und geschickt mit einer fiktionalen Geschichte verwoben, emotional packend und künstlerisch überzeugend. Es macht den Westfälischen Frieden und die Stadtgeschichte Osnabrücks insbesondere für eine junge Generation zugänglich, ohne zu belehren. Ein Stück mit lokalem Stolz, das auch überregional Aufmerksamkeit verdient. Die Stadtverantwortlichen sollten ernsthaft darüber nachdenken, dieses Musical als kulturelles Highlight dauerhaft in der Friedensstadt zu verankern.
Text: Dominik Lapp
