
Dunkle Romantik in sakralem Glanz: „Dracula“ in Freiberg
Das Mittelsächsische Theater hat sich mit seiner Inszenierung des Musicals „Dracula“ an einen anspruchsvollen Stoff des Komponisten Frank Wildhorn gewagt, der in der entweihten Nikolaikirche Freiberg eine ganz besondere Atmosphäre entfaltet. Regisseur Sergio Raonic Lukovic gelingt es, die Gegensätze zwischen christlicher Symbolik und der düsteren Vampirlegende auf faszinierende Weise zu verweben. Die imposante Kulisse der Kirche verstärkt die mystische Wirkung des Stoffes, während John Gilmores Lichtdesign eindrucksvoll zwischen sakralem Glanz und schauriger Dämmerung oszilliert.
Wildhorns Musik ist bekannt für mitreißende Melodien und epische Klangwelten. Auch bei „Dracula“ zeigt sie sich von ihrer besten Seite. Die Mischung aus symphonischem Bombast, dramatischen Balladen und rockigen Elementen schafft eine Bandbreite, die von der Mittelsächsischen Philharmonie unter der souveränen Leitung von Bennet Eicke brillant zum Leben erweckt wird. Besonders beeindruckend sind die opulenten Chorszenen (Einstudierung: Pawel Serafin) und die fein nuancierten Solonummern, die allen Darstellerinnen und Darstellern eine eigene musikalische Handschrift verleihen.
In der Titelrolle begeistert Alexander Donesch mit dunkler Stimmführung und charismatischer Präsenz. Sein Dracula ist gleichermaßen verführerisch wie bedrohlich, ein Wesen zwischen Tragik und Gier. Angus Simmons als Jonathan Harker gelingt eine intensive Darstellung des entschlossenen, aber gequälten Helden, dessen Reise ins transsilvanische Schloss zum Albtraum gerät.

Anna Burger als Mina Murray beeindruckt mit klarer, ausdrucksstarker Stimme und großen Emotionen, während Michaela Bär als Lucy Westenra die Verwandlung vom lebensfrohen Mädchen zur untoten Kreatur mit beklemmender Authentizität verkörpert. Yannik Gräf als Professor van Helsing bringt mit energischem Spiel und kraftvoller Stimme die nötige Gravitas in die Inszenierung, während Chris Green als wahnsinniger Renfield in einer mitreißenden Performance zwischen Wahnsinn und hellsichtiger Erkenntnis changiert.
Die Ausstattung von Lena Weikhard unterstreicht die Kontraste des Stücks: Historisch anmutende Kostüme treffen auf ein symbolhaftes Bühnenbild, das durch ein raffiniertes Lichtspiel aufgewertet wird. Romeo Y. Salazars Choreografie sorgt zudem für kraftvolle Bewegung in den Szenen.
Am Ende lässt sich trotz der beeindruckenden Optik sowie der überzeugenden Darbietung eine Schwäche nicht übersehen, unter der „Dracula“ leidet – das schwache Buch von Don Black und Christopher Hampton, das sich zu oft an Nebensächlichkeiten aufhält. Nichtsdestotrotz ist es eine intensive Inszenierung, die durch die sakrale Umgebung der Nikolaikirche eine fast spirituelle Dimension erhält. Religion trifft auf Mythos, christliche Moral auf unsterblichen Vampirismus – eine künstlerisch meisterhaft umgesetzte Musicalproduktion.
Text: Christoph Doerner